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„Draußen wird es immer kälter. Was ist dran an der Hühnersuppe bei Erkältung?“

 Hühnersuppe in der TCM

Wer kennt ihn nicht, den Tipp, bei Erkältungen oder Schwäche eine Hühnersuppe zu kochen. Vermutlich handelt es sich dabei um eines der wirklich alten Hausmittel. Denn Hühner begleiten die Menschen schon lange – und zwar auch diejenigen, die nicht so begütert sind. 1.400 v. Chr. wurden domestizierte Hühner in chinesischer Literatur erstmal erwähnt, Knochenfunde reichen weitaus länger zurück. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass in dieser langen Geschichte schon früher ein Huhn geopfert wurde - und zwar immer dann, wenn jemand in der Familie sich krank oder schwach fühlte.

Tatsache ist: Die lange gekochte Suppe ist ein wesentliches Element der Traditionellen Chinesischen Medizin. Dabei herrscht die Vorstellung, dass sich die Energie – das „Qi" – durch das lange Kochen vermehrt und dadurch eine weit intensivere Wirkung hat als nur kurz gekochte Suppe. In China werden Kraftsuppen einige Stunden bis zu mehrere Tage lang gekocht (Schneider 2006, S. 103), sie werden zudem mit Gewürzen und Heilkräutern angereichert. In jedem Haushalt in China, so berichten TCM-Experten, köchelt eine Suppe auf dem Herd. Die Hühnersuppe stärkt nach chinesischer Vorstellung das Qi und das Blut. Zudem wird das Huhn „chinesisch" dem Metallelement zugeordnet – wie auch die Lunge - und entsprechend die Hühnersuppe bei Atemwegsinfekten gekocht. Nach dem sehr schönen TCM-Kochbuch von Trebuth & Trebuth werden Sellerie, Möhren, Lauch, Ingwer, Tomate, Huhn und Wasser aufgesetzt, etwas Weißweinessig zugegeben (hilft dabei, die Mineralien aus dem Knochen zu lösen) und mit Paprikapulver, Pfeffer, Koriander, Salz, Wacholderbeeren gewürzt, mit Sojasoße abgeschmeckt (Trebuth & Trebuth 2018, S. 71). Genossen wird sie als Suppe, aber auch als reine Brühe, für unterwegs in der Thermoskanne.


Die Wochensuppe

In der europäischen Volksmedizin haben sich im Laufe der Zeit vor allem zwei Anwendungsbereiche herauskristallisier. Der eine ist die Hühnersuppe als „Wochensuppe". In ihrem historischen Abriss über die Geburtshilfe macht Beatrix Spitzer deutlich, wie selbstverständlich es in der Geschichte war, dass Frauen sich nach Entbindungen gegenseitig halfen. Dazu gehörte auch – beim „Babygucken" - das Mitbringen von etwas zu essen, typischerweise waren dies „fette Butter- und Mandelspeisen, Hühnerbrühe und Backwerk." (Spitzer 1999: 272). Eben Gerichte, die satt machen und stärken, etwas Besonderes für diese besondere Zeit. Auch heute noch empfehlen Hebammen den Wöchnerinnen die lange gekochte Hühnersuppe – bei der übrigens auch einige Walnüsse mitgekocht werden.


Jewish Penicillin

Der zweite häufige Anwendungsbereich sind Erkältungen und Infekte, in Europa, aber auch in den USA. So verbreitet ist die Hühnersuppe insbesondere in der jüdischen Volksmedizin, dass sie als „Jewish Penicillin"oder „Golden Broth" bezeichnet wird. Kennzeichnend für diese Brühe ist, dass auch hier das ganze Huhn (mit Haut, wichtig!) verwendet wird, Wurzelgemüse wie Karotten, Sellerie, Zwiebeln und Petersilienwurzel. Petersilie mit Stängeln und Dill mit Stängeln werden mitgekocht. Erwähnt wurde die Hühnersuppe in der jüdischen Literatur übrigens schon im 12. Jahrhundert von dem Arzt und Philosophen Maimonides, der sich angeblich wieder auf antike Quellen bezog.


Von Inhaltsstoffen und Studien

Auch die Wissenschaft hat einiges zur Hühnersuppe zu bieten. Inzwischen weiß man: Je länger die Kochzeit, desto mehr Mineralien wie z.B. Kalzium, werden aus den Knochen herausgelöst (daher möglichst ein Suppenhuhn vewenden und kein Brustfilet, daher auch die Zugabe von etwas Essig). Hühnerfleisch enthält zudem viel Zink, welches das Immunsystem unterstützt, außerdem den den Eiweißstoff Cystein, der durch langes Garen in die Suppe übergeht und ebenfalls die Abwehr stärkt.[1]

Zum Stichwort „chicken soup" gibt es auf PubMed, der US National Library of Medicine, 170 Einträge, zur Kombi von „chicken soup" und „cold" immer noch 10 Einträge. Immer wieder zitiert wird eine Studie aus Nebraska, die im Labor den Einfluss von Hühnersuppe auf eine bestimmte Untergruppe der weißen Blutkörperchen untersuchte. Hier konnte gezeigt werden, dass Hühnersuppe die Beweglichkeit bestimmter weißer Blutkörperchen, die bei Entzündungsprozessen eine Rolle spielen, verlangsamt – das lässt typische Erkältungssymptome zurückgehen, z.B. schwellen die Schleimhäute eher ab.[2] Das Rezept von Dr. Stephen Rennard, der die Forschungen durchführte, stammt aus seiner Familie und enthielt übrigens ein ganzes Huhn, dazu noch Hähnchenflügel, Zwiebel, Pastinaken, Steckrüben, Karotten, Sellerie, Petersilie – und eine große Süßkartoffel.


Fazit

Unterm Strich kann man sagen, dass die Anwendung von einer heißen Hühnersuppe oder –brühe bei Erkältungen und/oder Schwäche sehr verbreitet ist und es wissenschaftliche Hinweise auf die Wirksamkeit gibt.[3] Es ist anzunehmen, dass die Inhaltsstoffe der lange gekochten Kraftbrüche, die heiße Flüssigkeit, die Wärme und nicht zuletzt auch die Fürsorge oder Selbstfürsorge zum „Wohlfühleffekt" beitragen. Durch die heiße Flüssigkeit werden Verschleimungen leichter gelöst, auch sind Schnupfenviren hitzeempfindlich, deshalb ist Wärme hier immer gut.

Definitiv allerdings sollte für gerade dieses Gericht, das ja als Heilmittel und damit quasi wie ein „flüssiges Arzneimittel" eingesetzt wird, ein Bio-Huhn verwendet werden.


Zutaten:

1 Bio-Suppenhuhn (ca, 1,5 kg)

2 Zwiebeln

4 Möhren

½ Knollensellerie, alternativ Stangensellerie

2 Stange Lauch

einige Petersilienstängel

Salz, schwarze Pfefferkörner

Gewürze bei Erkältung: z.B. Thymian (antibakteriell), Rosmarin (kreislaufanregend, nicht bei hohem Blutdruck), Ingwer (stoffwechselanregend), Bohnenkraut (aromatisch), Liebstöckel (mild erwärmend, regt Ausscheidung an), Lorbeerblatt, etwas Chili. Achtung: diese erwärmenden Gewürze werden NICHT dazugegeben, wenn die Suppe für das Wochenbett gedacht ist. Die chinesische Hühnerkraftsuppe für Hochschwangere und Wöchnerinnen wird milder gewürzt, hier gibt es unterschiedliche Rezepte, manche sind mit Kardamom und Sternanins, andere mit Datteln, Liebstöckel und Thymian,[4]andere wieder geben einige Walnüsse zu. Im Zweifelsfall sollte man hier – bei einer bevorstehenden Entbindung auch im Freundinnenkreis – einfach mal die Hebamme fragen. Definitiv aber ist auch heute noch eine lang gekochte Suppe ein sehr gutes Mitbringsel.


Zubereitung:

Das Suppenhuhn gründlich waschen, Gemüse putzen, die eine Hälfte davon in große Stücke schneiden. Huhn und Gemüsein den Topf geben, Wasser zufügen, dass Huhn und Gemüse bedeckt sind, Gewürze zugeben. Einmal aufkochen lassen, Schaum abschöpfen, danach zugedeckt bei mittlerer Hitze 2-3 Stunden köcheln. In der Zwischenzeit restliches Gemüse in kleine Würfel schneiden. Huhn aus der Suppe nehmen, Suppe durch ein Sieb gießen, „Kochgemüse" entsorgen, Gemüsewürfel in die Brühe geben, weitere 20 Minuten köcheln. Währenddessen Haut vom Huhn abziehen, Hühnerfleisch in kleine Stücke schneiden, zur Suppe geben.

Merke: Hühnersuppe muss schön heiß sein, aber – Achtung! - leicht verbrennt man sich die Zunge durch das darin enthaltene Fett. Gut schmeckt die Suppe mit kleingeschnittener Petersilie, die noch Vitamin C und Eisen zufügt.

Im Erkältungsfall oder zur Rekonvaleszenz mehrmals täglich einen Teller voll. Für die reine Trinkbrühe das ganze Gemüse mitkochen, die Kochzeit kann deutlich länger sein, Suppe dann komplett abfiltern.


Vegane Alternativen

Auch vegane Suppen sind Kraftbrühen, wenn sie Gemüse lange auskochen. Besonders empfehlenswert als Zutaten sind Knoblauch, Zwiebeln, Lauch, Petersilienwurzel, Brokkoli, Fenchel, Sellerie, Meerrettich, Rote Bete, nährend Kartoffeln, Linsen oder Reis. Unter den Gewürzen ist auch bei einer rein pflanzlichen Suppe an Thymian, Rosmarin, Ingwer, Bohnenkraut, Lorbeer und Liebstöckel zu denken, eine Prise Muskatnuss und dazu viel frisch gehackte Kräuter, vor allem Schnittlauch und Petersilie.


 Quellen:

Schneider K (2006): Kraftsuppen, JOY

Trebuth B & Trebuth F (2018): Das TCM-Kochbuch. Einfach Gesund Essen to go. Blv.

Spitzer B (1999): Der zweite Rosengarten. Eine Geschichte der Geburt, Hannover: Staude.

[1] Burgerstein Handbuch Nährstoffe (2007), S. 242

[2] https://www.unmc.edu/publicrelations/media/press-kits/chicken-soup/research.html

[3]https://www.nationalgeographic.com/culture/food/the-plate/2016/01/15/take-one-chicken-soup-and-call-me-in-the-morning/

[4] https://www.hebammenblog.de/die-kraftsuppe/

OpenNotes
An apple a day – was ist dran?
 

Kommentare 1

Gäste - Luise (website) am Freitag, 06. Dezember 2019 13:51

Ich habe nirgendwo sonst besseren Tips gefunden! Der Artikel hat mir sehr geholfen. Danke für das Mitteilen

Ich habe nirgendwo sonst besseren Tips gefunden! Der Artikel hat mir sehr geholfen. Danke für das Mitteilen
Gäste
Mittwoch, 22. Januar 2020
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