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Esst Lebkuchen!!

Vanillekipferl, Zimtsterne, Spekulatius und Lebkuchen finden sich auf jedem Weihnachtsteller. Mit Mandeln, Honig und Gewürzen sind gerade Früchtebrot und Lebkuchen definitiv die gesündesten Weihnachtsnaschereien. Was es mit den Zutaten und vor allem den Gewürzen auf sich hat, wie sie in der deutschen aber auch der ayurvedischen Heilkunde und der TCM eingestuft werden, erfahren Sie in diesem Blog-Beitrag.  

Ein Blick in die Geschichte

Die Geschichte der Lebkuchen reicht weit zurück. Bereits in den alten Hochkulturen galt Honig – eine wichtige Zutat in Honigkuchen, Pfefferkuchen und Lebkuchen – als Gabe der Götter und Stärkungsmittel. Dies blieb auch die ganze abendländische Geschichte hindurch so. Honig war ein Lebenselixier. Zusammen mit Nüssen, Mandeln oder Pistazien wurden seit jeher und werden auch heute noch auf der ganzen Welt Süßigkeiten hergestellt, die als energy-food dienen (vegan entsprechend mit Rohrohrzucker oder z.B. Datteln als Süßungsmittel).

Für Lebkuchen, die traditionell ohne Fett oder Milch gebacken werden, damit sie länger haltbar sid, kommen noch die typischen Gewürze hinzu. Sie machen den Lebkuchen erst zu dem, was er ist.Das Ergebnis sind kleine Kuchen mit hoher Nährstoffdichte. In der Klostermedizin wurden Lebkuchen während der Fastenzeit gegessen,[1]anderen Berichten zufolge im Winter als Gebäck für hungernde Menschen ausgegeben. Zimt, Muskat, Ingwer, Galgant, Safran, Nelke, Kardamom und Pfeffer hatten dabei einen besonderen Stellenwert: „Im Mittelalter und in der Renaissance war man sich einig, dass Gewürze aus dem Osten gleichsam Restbestände und Vorausboten des Paradieses wären.", so Dr. Karl Steinmetz.[2] Aus diesen acht Gewürzen wurden verschiedenste Gewürzmischungen entwickelt – die eben nicht nur für Lebkuchen oder Glühwein, sondern für viel mehr Gerichte verwendet wurden. Die Lebkuchen selbst waren dabei, so Steinmetz „ aufgebretzelte Pillen." Denn traditionell wurden Arzneipflanzen pulverisiert, dann mit Honig oder Sirup verrührt, daraus eine Wurst geformt und aus abgeschnittenen Scheibchen Pillen gedreht (so ist das auch heute noch in Tibet). Mit Nüssen, Eiern und Zitronat wurde aus der Pille nunmehr eine Art Honigkuchen. Sie gab es zu allen großen Festen: als Osterlebkuchen, Maria Himmelfahrt-Lebkuchen, Weihnachtslebkuchen. Und für das alles waren die „Lebzelter", die Lebkuchenbäcker zuständig.


Ein Blick in die Welt

Interessant zu wissen: Kardamom, Muskat, Zimt, Fenchel, Piment, Ingwer, Anis, Koriander, Nelken und schwarzer Pfeffer finden sich in ähnlicher Weise in ayurvedischen Mischungen für Chai (Kardamom, Zimt, Nelken und schwarzer Pfeffer) oder Milk Rice Masala (Ingwer, Kardamom, Zimt, ergänzt durch Vanille und indischen Rohrohrzucker). Heißt: Auf der ganzen Welt hat sich diese Kombi durchgesetzt, ob im Tee, in der Gewürzmilch, in der Süßspeise, im Gebäck, im Curry. Und immer ist sie wärmend und mild verdauungsanregend.


Die Gewürze und ihre Wirkung

Aus westlicher Sicht handelt es sich bei den genannten Gewürzen vor allem um Ätherisch-Öl- oder Scharfstoff- bzw. Bitterstoffdrogen.

  • Anis, Fenchel, Kardamom, Koriander, Nelken, Muskat, Zimt sind Ätherisch-Öl-Drogen, d.h. sie enthalten in hohem Maße ätherische Öle. Diese Öle dienen im Pflanzenreich oft zum Schutz und zur Abwehr. Viele ätherischen Öle wirken entsprechend desinfizierend oder keimwidrig. Unter den Wintergewürzen sind dies vor allem Nelke und Muskat. Den Einsatz von Nelkenknospen bei Zahnschmerzen kennt man. Auch Muskatnuss hat eine anitbakterielle, entzündungshemmende und entkrampfende, in hohen Dosierungen übrigens rauschartige Wirkung (Vorsicht mit ganzen Muskatnüssen und kleinen Kindern!).
  • Anis, Fenchel, Kardamom, die botanisch alle miteinander verwandt sind, wirken auf die Verdauung: Schon Säuglinge kriegen Fencheltee und auch Stilltee besteht aus Anis, Fenchel, Koriander (und Kümmel). Anis und Fenchel sind darüber hinaus auswurffördernd, also ratsam bei Katarrhen der oberen Luftwege und Reizhusten.
  • In Pfeffer, Ingwer, Piment finden sich neben den ätherischen Ölen vor allem auch Scharfstoffe und Bitterstoffe. Ingwer regt Speichel-, Magen- und Gallensaftsekretion an, ist keimtötend, erwärmend und brechreizlindernd (ein ganz wichtiger Anwendungsbereich, beispielsweise bei Reiseübelkeit!). Wie Galgant und Gelbwurz, mit denen der Ingwer verwandt ist,gehört er zu den aromatischen Bitterstoffpflanzen, den Amara aromatica.
  • Pfeffer wirkt antibakteriell, entzündungshemmend, durchblutungsfördernd, appetitanregend, regt Gallefluss und Leberaktivität an. Neue Aufmerksamkeit hatte Pfeffer in der letzten Zeitvor allem als Wirkungsverstärker von Kurkuma gefunden.
  • Vanille ist keine offizielle Arzneipflanze. In der Aromatherapie wird Vanilleöl zur Stressminderung eingesetzt, bei nervöser Anspannung, Niedergeschlagenheit und Schlafstörungen. Warum also nicht gerade im Weihnachtsstress ein Stück aufgeschnittene Vanilleschote in den Tee oder die warme (Pflanzen-)Milch geben?

TCM

Die Betrachtung der Inhaltsstoffe ist nur eine Möglichkeit, sich Pflanzen und Gewürzen zu nähern. Interessant ist auch der Blick anderer Medizinsysteme, beispielsweise der Traditionellen Chinesischen Medizin: Fenchel, Vanille und Zimt, Anis werden hier dem Element Erde zugeordnet, sie sind süß, befeuchtend und Qi aufbauend. Cayennepfeffer, Chilli, Pfeffer, Piment, Kardamom, Koriander, Nelke und Ingwer dagegen werden dem Metallelement zugeordnet, sie gelten als scharf und Stagnationen auflösend.


Gewürze zu Weihnachten – ja bitte!

Für die Weihnachtszeit bedeutet dies: Wer jetzt zu Plätzchen und Backwerk mit reichlich verdauungsfördernden und wärmenden Gewürzen greift – Lebkuchen, Printen, Pfefferkuchen, Honigkuchen, Magenbrot – der tut seiner Verdauung tatsächlich einen Gefallen, vorausgesetzt es handelt sich um gute Zutaten und zuckerarme Varianten.Daneben gibt es zig Alternativen, um die wärmende Kraft der Wintergewürze auszunutzen:

  • ein gekochter Chai
  • Chai-Gewürz aus dem indischen Laden, den man dort pulverisiert bekommt und ganz unkompliziert jedem Tee zufügen kann
  • als Gewürzmischung über dem Frühstücksbrei
  • als Gewürzmischung für vegane Pflanzenmilch mit pürierten Datteln
  • ein Schälchen mit Fenchel, Anis und Koriandersamen auf dem Tisch, um ein üppiges Mahl abzurunden.
  • Selbstgebackenes Vollkornbrot mit reichlich Brotgewürzen als Ausgleich zu Christstollen & Co


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 Der Kuchen für Leben, Loben und Lieben

Der Begriff „Lebkuchen"geht auf eine Sprachwurzel zurück, von der sich viele Worte und viele Verben ableiten: Laib, laben, loben, lieben. Heißt so viel wie: Der Lebkuchen ist ein Gebäck, das das Leben stärkt, das gut ist für den Laib, den man sich gegenseitig aus Liebe schenkt – und an dem man sich laben kann.

Studienlage

Tatsächlich! Es gibt eine tschechische Studie nur zum Lebkuchen, die zwar nicht mehr aktuell ist (2005), deren wunderbarer Titel hier aber nicht unterschlagen werden soll: Christmas gingerbread (Lebkuchen) and Christmas cheer – review of the potential role of mood elevating amphetamine-like compounds formed in vivo and in forno. Die Autoren gehen der Frage nach, ob die in Zimt, Anis, Muskat und Nelken enthaltenen Allylbenzene und ihre Isomere als Vorstufen von Amphetaminen fungieren können und ob das Backen im Backofen („in forno") darauf einen Einfluss hat. Wen es genauer interessiert: „Humans may be exposed to amphetamines derived from these precursors in forno, the formation during baking and cooking, for example in the preparation of Lebkuchen, or Christmas gingerbread. It is possible that this may be responsible, in part, for uplifting our mood in winter. However, the role of these aromatic substances, acting simply as odours, evoking old memories of winters past, cannot be ignored. Whether spices have a true pharmacological effect or they act as aromatherapy remains to be elucidated through clinical and laboratory studies."[3]

Wie dem auch sei – Denken Sie an den Lebkuchen als Gebäck und als Geschenk. Auch das Backen ist einfacher, als man denkt. Vor allem aber: Lassen Sie es sich schmecken!


[1] https://www.lebkuchen-schmidt.com/Lebkuchen-Historie/

[2] Steinmetz, K.-H. (2018): Stille. Seelbad. Engelsbrod. Heimische sprituelle Traditionen neu entdecken. Styria.

[3] https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16007907

Der Winter kann kommen – Anregungen für die Morgen...
 

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